Von der Biblia Polyglotta zur Künstlichen Intelligenz – Warum jedes Wissenssystem Irrtümer produziert

Wir leben in einer Zeit, in der Suchmaschinen und Künstliche Intelligenz scheinbar unbegrenzten Zugang zu Wissen versprechen.

Innerhalb von Sekunden erscheinen Millionen Suchergebnisse.
Künstliche Intelligenzen formulieren Antworten auf nahezu jede Frage.

Manche Menschen sehen darin den Beginn eines neuen Zeitalters der Erkenntnis.

Andere befürchten eine Flut von Irrtümern und Täuschungen.

Beide Sichtweisen übersehen jedoch eine einfache historische Tatsache:

Jedes Wissenssystem der Menschheitsgeschichte hat richtige und falsche Informationen zugleich hervorgebracht.

Die Lehre der Antwerpener Polyglotte

Im 16. Jahrhundert entstand in Antwerpen eines der größten Gelehrtenprojekte seiner Zeit.

Der Drucker Christoffel Plantijn ließ die berühmte Biblia Polyglotta herstellen, eine mehrsprachige Ausgabe der Bibel in Hebräisch, Griechisch, Latein, Aramäisch und Syrisch.

Der Aufwand war enorm.

Die besten verfügbaren Handschriften wurden verglichen.
Gelehrte aus verschiedenen Ländern arbeiteten zusammen.
Zahlreiche Experten prüften Texte, Übersetzungen und Kommentare.

Man könnte meinen, damit sei ein nahezu perfektes Werk entstanden.

Doch genau das geschah nicht.

Der Polyglotte wurden drei eigene Korrekturbände beigegeben.

Bereits die Gelehrten des 16. Jahrhunderts wussten, dass selbst ein Werk dieser Größenordnung Fehler enthalten würde.

Sie verstanden etwas, das heute oft vergessen wird:

Wissen ist niemals fehlerfrei.

Die Illusion der endgültigen Wahrheit

Jede Generation glaubt, ihren Vorgängern überlegen zu sein.

Die Mönche des Mittelalters vertrauten auf ihre Handschriften.
Die Gelehrten der Renaissance vertrauten auf kritische Textvergleiche.
Das 19. Jahrhundert vertraute auf Wissenschaft und Statistik.
Das 20. Jahrhundert vertraute auf Experten.
Das 21. Jahrhundert vertraut auf Algorithmen.

Doch das Grundproblem bleibt dasselbe.

Informationen sind nicht identisch mit Erkenntnis.

Ein Text kann richtig oder falsch sein.
Eine Statistik kann richtig oder falsch sein.
Eine Suchmaschine kann richtige oder falsche Informationen finden.
Eine KI kann richtige oder falsche Antworten erzeugen.

Keines dieser Systeme besitzt eine unmittelbare Verbindung zur Wirklichkeit.

Suchmaschinen finden Dokumente, nicht Wahrheit

Eine Suchmaschine beantwortet keine Frage.

Sie durchsucht Dokumente.

Sie bewertet nicht die Wirklichkeit selbst, sondern die Häufigkeit, Verlinkung und Relevanz von Texten.

Dadurch können wahre Informationen sichtbar werden.

Ebenso können Irrtümer, Vorurteile oder Falschmeldungen verbreitet werden.

Die Suchmaschine kennt den Unterschied nicht.

Sie kennt lediglich Daten.

Künstliche Intelligenz erzeugt Antworten, nicht Erkenntnis

Ähnlich verhält es sich mit Künstlicher Intelligenz.

Eine KI besitzt kein unmittelbares Verhältnis zur Wirklichkeit.

Sie beobachtet keine Welt.

Sie erlebt keine Erfahrung.

Sie verarbeitet Sprache.

Aus Milliarden von Texten lernt sie statistische Zusammenhänge und erzeugt daraus neue Formulierungen.

Dadurch kann sie beeindruckende Erkenntnisse zusammenfassen.

Sie kann aber ebenso überzeugend Unsinn produzieren.

Die moderne Bezeichnung dafür lautet Halluzination.

Der Begriff klingt technisch.

Tatsächlich beschreibt er ein uraltes Problem:

Ein Wissenssystem erzeugt Aussagen, deren Bezug zur Wirklichkeit ungeprüft bleibt.

Der Mensch als Korrektursystem

Genau hier liegt die eigentliche Bedeutung des Denkens.

Denken bedeutet nicht, Gedanken zu produzieren.

Gedanken entstehen fortlaufend.

Denken beginnt erst dort, wo Gedanken geprüft werden.

Der Mensch vergleicht Aussagen mit Erfahrung.
Er sucht Widersprüche.
Er bewertet Plausibilität.
Er überprüft Quellen.
Er korrigiert Irrtümer.

Diese Aufgabe konnte weder die Biblia Polyglotta übernehmen noch kann sie eine Suchmaschine oder eine KI übernehmen.

Jedes Wissenssystem benötigt einen Korrekturprozess.

Ohne Korrektur entstehen Mythen.
Ohne Korrektur entsteht Ideologie.
Ohne Korrektur entsteht falsches Wissen.

Die eigentliche Grenze der Erkenntnis

Die Geschichte des Wissens ist daher nicht die Geschichte zunehmender Wahrheit.

Sie ist die Geschichte immer besserer Verfahren zur Fehlerkorrektur.

Von den Randnotizen mittelalterlicher Mönche über die drei Korrekturbände der Antwerpener Polyglotte bis zu modernen Faktenchecks zieht sich derselbe Gedanke durch die Jahrhunderte:

Irrtümer sind unvermeidlich.

Die Frage lautet nicht, ob ein Wissenssystem Fehler produziert.

Die Frage lautet, wie gut es seine Fehler erkennt.

Schlussgedanke

Die größte Gefahr unserer Zeit besteht nicht darin, dass Suchmaschinen oder Künstliche Intelligenzen Fehler machen.

Fehler haben Wissenssysteme immer gemacht.

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass wir die Existenz dieser Fehler vergessen.

Die Antwerpener Polyglotte erinnert uns daran, dass selbst die größten Gelehrtenwerke Korrekturbände benötigten.

Vielleicht ist dies ihre wichtigste Botschaft für das digitale Zeitalter:

Nicht die Menge der Informationen entscheidet über Erkenntnis.

Entscheidend ist die Bereitschaft, Irrtümer zu suchen, zu erkennen und zu korrigieren.

Denn die Grenze der Erkenntnis liegt nicht im Mangel an Wissen.

Sie liegt in der menschlichen Fähigkeit, zwischen Wirklichkeit, Wirklichkeitsersatz und Irrtum zu unterscheiden.

 

Ihr

Eduard Rappold

Copyright © Eduard Rappold 2026

 

Eduard Rappold ist Autor, Unternehmer und als Arzt wissenschaftlicher Vermittler im Bereich Epigenetik und Präventionsmedizin. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie Umwelt, Verhalten und biografische Erfahrungen die Regulation unserer Gene beeinflussen – und welche Konsequenzen sich daraus für Gesundheit, Alterungsprozesse und chronische Erkrankungen ergeben. Sein Ansatz verbindet: aktuelle Erkenntnisse der Epigenetik neurobiologische Stressforschung mitochondriale und metabolische Regulation präventive und lebensstilbasierte Medizin Als Betreiber der Plattform epigenetik.at macht er komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich. Dabei liegt der Fokus auf einer klaren, verständlichen Darstellung ohne Vereinfachung der Inhalte. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Rolle von chronischem Stress als zentralem biologischen Faktor für Dysregulation, beschleunigtes Altern und Krankheitsentstehung. Eduard Rappold ist zudem Co-Autor einer wissenschaftlichen Studie zur Rolle von Antioxidantien und genetischen Faktoren bei neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere Alzheimer.