ME/CFS und Epigenetik – Warum Gene allein die Krankheit nicht erklären

Die Forschung zu ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erlebt derzeit einen bemerkenswerten Aufschwung. Lange Zeit wurde die Erkrankung missverstanden oder unterschätzt. Heute gilt sie als komplexe Multisystemerkrankung, die das Immun-, Nerven- und Energiestoffwechselsystem betrifft.

Besondere Aufmerksamkeit erregten in den letzten Monaten die Ergebnisse der DecodeME-Studie, der weltweit größten genetischen Untersuchung zu ME/CFS. Erstmals konnten acht genomische Regionen identifiziert werden, die mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert sind. Viele dieser genetischen Signale betreffen Gene des Immun- und Nervensystems und unterstützen damit die Auffassung, dass ME/CFS eine biologische und nicht primär psychische Erkrankung ist. Gleichzeitig weisen genetische Studien und Zwillingsuntersuchungen darauf hin, dass die Erblichkeit der Erkrankung etwa 40 bis 50 % beträgt. Damit wird deutlich: Gene beeinflussen die Anfälligkeit, bestimmen das Schicksal jedoch nicht.

Doch genau das ist nicht der Fall.

Gene sind keine Schicksalsprogramme

Gene bestimmen nicht unmittelbar unsere Gesundheit. Sie legen vielmehr Möglichkeiten fest, auf Umweltreize zu reagieren. Ob ein genetisches Programm tatsächlich aktiviert wird, entscheidet wesentlich die Epigenetik.

Die DNA gleicht einer Bibliothek.

Die Epigenetik entscheidet, welche Bücher geöffnet und gelesen werden.

Deshalb können zwei Menschen mit ähnlicher genetischer Ausstattung völlig unterschiedlich auf dieselbe Virusinfektion reagieren.

Warum beginnt ME/CFS häufig nach einer Infektion?

Ein auffälliges Merkmal von ME/CFS ist der Krankheitsbeginn.

Viele Betroffene berichten über den Ausbruch nach

  • einer Epstein-Barr-Virus-Infektion,
  • COVID-19,
  • Influenza,
  • anderen Virusinfektionen,
  • einer schweren körperlichen Belastung,
  • Operationen,
  • oder lang anhaltendem Stress.

Alle diese Ereignisse haben eines gemeinsam:

Sie verändern nicht die DNA.

Sie verändern die Regulation der Gene.

Genau dies ist das Arbeitsgebiet der Epigenetik.

Die epigenetische Umprogrammierung

Im Mittelpunkt stehen heute Veränderungen der

  • DNA-Methylierung,
  • Histonmodifikation,
  • microRNAs,
  • Genexpression.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass bei ME/CFS Gene verändert reguliert sind, die für

  • Immunantwort,
  • Entzündungsprozesse,
  • Energiegewinnung,
  • Stressregulation,
  • Mitochondrienfunktion
  • und den autonomen Sympathikus verantwortlich sind.

Noch ist unklar, welche dieser Veränderungen Ursache und welche Folge der Erkrankung sind. Die Befunde sprechen jedoch dafür, dass epigenetische Mechanismen wesentlich an der Aufrechterhaltung der Erkrankung beteiligt sind.

Mitochondrien – das fehlende Bindeglied?

Die meisten Symptome von ME/CFS lassen sich erstaunlich gut mit einer gestörten Energieversorgung erklären.

Die Mitochondrien produzieren ATP – die universelle Energiewährung des Körpers.

Arbeiten sie nicht mehr effizient, entstehen typische Beschwerden:

  • rasche Erschöpfbarkeit,
  • Muskelschwäche,
  • Konzentrationsstörungen,
  • verlangsamte Erholung,
  • Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise).

Genau hier überschneiden sich mehrere Forschungsgebiete:

  • oxidativer Stress,
  • nitrosativer Stress,
  • chronische Entzündung,
  • gestörte Immunantwort,
  • epigenetische Veränderungen.

Die Mitochondrien stehen dabei nicht isoliert, sondern bilden ein zentrales Regulationssystem, das auf diese Einflüsse reagiert und sie zugleich beeinflusst.

Die Rolle von SAM-e

Aus epigenetischer Sicht verdient insbesondere S-Adenosyl-L-Methionin (SAM-e) Aufmerksamkeit.

SAM-e ist der wichtigste Methylgruppendonor des Körpers und Voraussetzung für zahlreiche Methylierungsreaktionen.

Dazu gehören unter anderem:

  • DNA-Methylierung,
  • RNA-Methylierung,
  • Histonmethylierung,
  • Neurotransmittersynthese,
  • Phospholipidsynthese,
  • Kreatinbildung,
  • Polyaminsynthese.

Veränderungen im Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel könnten daher weitreichende Auswirkungen auf die epigenetische Regulation haben. Ob eine gezielte Beeinflussung dieser Stoffwechselwege therapeutisch wirksam ist, muss jedoch in hochwertigen klinischen Studien geklärt werden.

Ein neues Krankheitsmodell

Die klassische Medizin fragt häufig:

Welches Gen verursacht ME/CFS?

Die moderne Epigenetik stellt eine andere Frage:

Warum wird aus einer genetischen Veranlagung eine chronische Erkrankung?

Ein mögliches Modell lautet:

Genetische Prädisposition

Virusinfektion oder chronischer Stress

Epigenetische Umprogrammierung

Chronische Fehlregulation des Immunsystems

Mitochondriale Dysfunktion

Energiemangel

Post-Exertional Malaise und chronische Erschöpfung

Dieses Modell erklärt, warum nicht jeder Mensch nach derselben Virusinfektion erkrankt und warum sich die Beschwerden auch nach dem Verschwinden des ursprünglichen Auslösers verselbstständigen können.

Gesundheit ist mehr als Genetik

Die neuen genetischen Studien sind ein wichtiger Fortschritt.

Sie zeigen, dass bestimmte Menschen eine erhöhte Anfälligkeit besitzen.

Sie erklären jedoch nicht, warum die Erkrankung ausbricht, warum sie bestehen bleibt oder weshalb manche Betroffene genesen, andere jedoch nicht.

Genau hier eröffnet die Epigenetik eine neue Perspektive.

Sie versteht Gesundheit nicht als starres genetisches Schicksal, sondern als Ergebnis eines dynamischen Zusammenspiels zwischen Erbanlagen, Umwelt, Lebensstil, Stoffwechsel und Zellregulation.

Vielleicht liegt die Zukunft der ME/CFS-Forschung deshalb nicht allein in der Suche nach weiteren Risikogenen.

Vielleicht liegt sie im Verständnis jener biologischen Programme, die Gene ein- oder ausschalten – und damit darüber entscheiden, ob aus einer genetischen Möglichkeit eine Krankheit wird.

Gerade deshalb könnte die Epigenetik zu einem der wichtigsten Schlüssel werden, um ME/CFS künftig besser zu verstehen und eines Tages gezielter behandeln zu können.

Die DecodeME-Studie markiert einen Wendepunkt in der ME/CFS-Forschung. Sie zeigt überzeugend, dass genetische Faktoren zur Krankheitsanfälligkeit beitragen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass genetische Varianten allein die Erkrankung nicht erklären. Viele Träger dieser Varianten bleiben lebenslang gesund. Die entscheidende wissenschaftliche Frage lautet daher nicht mehr: „Gibt es genetische Risikogene?“, sondern: „Welche biologischen Mechanismen entscheiden darüber, ob diese genetische Anfälligkeit tatsächlich in eine chronische Erkrankung übergeht?“ Genau hier treffen Genetik und Epigenetik aufeinander. Während die Genetik beschreibt, welche Möglichkeiten ein Organismus besitzt, erklärt die Epigenetik, welche dieser Möglichkeiten unter dem Einfluss von Virusinfektionen, Immunreaktionen, Stress, Stoffwechsel und Umweltbedingungen tatsächlich verwirklicht werden. Die Zukunft der ME/CFS-Forschung liegt daher wahrscheinlich nicht im Gegensatz von Genetik und Epigenetik, sondern in ihrem Zusammenspiel. Erst das Verständnis dieser Wechselwirkung wird erklären können, warum aus einer genetischen Prädisposition bei manchen Menschen Gesundheit und bei anderen chronische Krankheit entsteht.

 

Literatur

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Feinberg, A. P. (2018). The Key Role of Epigenetics in Human Disease Prevention and Mitigation. New England Journal of Medicine, 378, 1323–1334.

Helliwell, A. M., et al. (2020). Changes in DNA methylation profiles associated with Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Clinical Epigenetics.

Komaroff, A. L., & Lipkin, W. I. (2021). Insights from Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome may help unravel the pathogenesis of post-acute COVID-19 syndrome. Trends in Molecular Medicine, 27, 895–906.

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Missailidis, D., et al. (2022). Mitochondrial dysfunction in Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: systematic review and emerging concepts. Journal of Translational Medicine.

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Picard, M., McEwen, B. S., Epel, E. S., & Sandi, C. (2018). An energetic view of stress: Focus on mitochondria. Frontiers in Neuroendocrinology, 49, 72–85

Ponting, C. P., et al. (2025/2026). DecodeME Genome-Wide Association Study. (erste Ergebnisse; acht genetische Risikosignale bei über 15.000 ME/CFS-Patienten).

UK Biobank Project 532921. (2025). Genetic architecture of chronic fatigue syndrome. Medical University of Vienna. Laufendes Projekt zur Identifikation seltener genetischer Varianten und kausaler Gene bei ME/CFS.

 

Ihr

Eduard Rappold

Note: This information is provided for educational purposes only and does not replace professional medical advice. Always consult qualified healthcare professionals for medical concerns.

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Eduard Rappold ist Autor, Unternehmer und als Arzt wissenschaftlicher Vermittler im Bereich Epigenetik und Präventionsmedizin. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie Umwelt, Verhalten und biografische Erfahrungen die Regulation unserer Gene beeinflussen – und welche Konsequenzen sich daraus für Gesundheit, Alterungsprozesse und chronische Erkrankungen ergeben. Sein Ansatz verbindet: aktuelle Erkenntnisse der Epigenetik neurobiologische Stressforschung mitochondriale und metabolische Regulation präventive und lebensstilbasierte Medizin Als Betreiber der Plattform epigenetik.at macht er komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich. Dabei liegt der Fokus auf einer klaren, verständlichen Darstellung ohne Vereinfachung der Inhalte. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Rolle von chronischem Stress als zentralem biologischen Faktor für Dysregulation, beschleunigtes Altern und Krankheitsentstehung. Eduard Rappold ist zudem Co-Autor einer wissenschaftlichen Studie zur Rolle von Antioxidantien und genetischen Faktoren bei neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere Alzheimer.