Ollas nimmt o – Die stille Biologie des Alterns

Ollas nimmt o

Christian Tesak

 

Unter meinem Oberlid

Ein Maulwurf seine Runden zieht

Meine Haare gehen aus

Und kommen oft sehr spät nach Haus

Die Gleitsichtbrille mag ich sehr

Ich schieb was weg ich hol was her

Von Büchern les ich nie den Schluss,

Weil ich bald schon schlafen muss

 

Ollas nimmt o

Sche laungsaum nimmt ollas o

 

Ich esse manchmal Butterkeks

Die warn schon länger unterwegs

Der Schuhlöffel ist extralang,

Mit dem ich mir die Schuhe fang

Die Nase wächst, die Ohren auch

Das Warzenhaar der Nudelbauch

Das Enkerl, wenns mich fragen tut

Wies mir geht, sag ich: Danke gut

 

Ollas nimmt o

Sche laungsaum nimmt ollas o

 

Ich hab uns Reis mit Erbsen kocht

Das hab ich schon als Kind gemocht

Unser Wäsch ist grau und beige

Untergattn, Kombinesch

Wir schaun uns immer ähnlicher

Ich weiblicher, sie männlicher

Und wenn wir uns zu Bett begeben

Liegt mancher Körperteil daneben

 

Ollas nimmt o

Sche laungsaum nimmt ollas o

 

Ein bisserl gehts noch weiter so

Doch irgendwann ist nix mehr do

Weil alles weg ist, was da war

Das Hüftgelenk, das letzte Haar

Dann leg ich meinen Hobel hin,

Obwohl ich gar kein Tischler bin

Ich bin nix mehr, ich war einmal

Dem großen Ganzen schnurzegal

 

Ollas nimmt o

Sche laungsaum nimmt ollas o

 

Alterung, Körperverlust und die stille Biologie des Verschwindens

Das Wienerlied besitzt eine besondere Fähigkeit:
Es romantisiert den Menschen nicht.

Es betrachtet ihn nicht als Helden,
nicht als vollkommen autonomes Wesen
und nicht als reine geistige Existenz.

Der Mensch erscheint vielmehr als:

  • Körper,
  • Gewohnheit,
  • Müdigkeit,
  • Vergänglichkeit.

Genau darin liegt die stille Größe des Liedes „Ollas nimmt o“ von Christian Tesak.

Schon der Refrain formuliert eine radikale anthropologische Wahrheit:

Ollas nimmt o
Sche laungsaum nimmt ollas o

Alles nimmt ab.
Langsam.
Unmerklich.
Kontinuierlich.

Nicht dramatisch —
sondern biologisch.

Der Körper als Wirklichkeitssystem

Das Lied beschreibt Alterung nicht abstrakt,
sondern physiologisch:

  • Haare fallen aus,
  • die Gleitsichtbrille wird notwendig,
  • der Schuhlöffel wird länger,
  • Nase und Ohren wachsen,
  • Schlaf wird stärker als Konzentration.

Der Mensch erscheint hier nicht als „Seele“,
sondern als Organismus.

Das ist bemerkenswert,
weil moderne Gesellschaften Alter häufig verdrängen:

  • kosmetisch,
  • technisch,
  • pharmakologisch,
  • digital.

Das Wienerlied tut das Gegenteil.

Es zwingt zur Realität des Körpers.

Alterung ist keine plötzliche Katastrophe

Biologisch betrachtet beschreibt Tesak keinen einzelnen Defekt,
sondern einen schrittweisen Verlust regulatorischer Kapazität.

Genau darin liegt das Wesen biologischer Alterung.

Altern bedeutet häufig:

  • verminderte Proteostase,
  • reduzierte Autophagie,
  • sinkende mitochondriale Effizienz,
  • erhöhte inflammatorische Aktivität,
  • Verlust physiologischer Biosynthesen.

Der Organismus verliert langsam:

  • Reparaturfähigkeit,
  • Belastbarkeit,
  • metabolische Flexibilität.

Nicht plötzlich —
sondern „sche laungsaum“.

Epigenetik des Alterns

Die moderne Epigenetik beschreibt Alterung zunehmend als:

  • Verlust biologischer Ordnung,
  • epigenetische Drift,
  • Dysregulation von Genaktivität,
  • chronische Stressreaktion,
  • inflammaging.

Dabei verändern sich:

  • Entzündungsprogramme,
  • Stressachsen,
  • Methylierungsmuster,
  • mitochondriale Kommunikation,
  • regenerative Prozesse.

Das Lied formuliert dieselbe Erfahrung auf poetische Weise.

Der Mensch „nimmt ab“:
nicht nur äußerlich,
sondern regulatorisch.

Die stille Rolle von Stress

Chronischer Stress beschleunigt genau diese Prozesse.

Er erhöht:

  • Cortisol,
  • oxidativen Stress,
  • mitochondriale Belastung,
  • inflammatorische Aktivierung.

Dadurch altern:

  • Gehirn,
  • Immunsystem,
  • Stoffwechsel,
  • Gefäße
    schneller.

Alterung ist deshalb nicht bloß Zeitablauf.
Sie ist auch die Summe biologischer Belastung.

Was das Lied nicht tut

Bemerkenswert ist,
dass Tesak keine Erlösung anbietet.

Keine:

  • Wellness-Ideologie,
  • Optimierungsphantasie,
  • technische Unsterblichkeit,
  • Anti-Aging-Illusion.

Der Mensch bleibt begrenzt.

Und gerade dadurch wirkt das Lied wahr.

Die biologische Ehrlichkeit des Wienerlieds

Besonders stark ist die letzte Strophe:

Ich bin nix mehr, ich war einmal
Dem großen Ganzen schnurzegal

Das klingt zunächst pessimistisch.

Doch vielleicht liegt darin auch eine Form von Nüchternheit:
Der Mensch ist Teil biologischer Wirklichkeit —
nicht ihr Mittelpunkt.

Der Organismus entsteht,
verändert sich
und verschwindet wieder.

Das Wienerlied akzeptiert,
was moderne Kultur oft verdrängt:
Der Körper ist endlich.

Epigenetik zwischen Begrenzung und Möglichkeit

Gerade deshalb gewinnt Prävention Bedeutung.

Epigenetik bedeutet nicht,
Alter oder Tod aufheben zu können.

Aber sie zeigt,
dass biologische Prozesse beeinflussbar bleiben:

  • Ernährung,
  • Bewegung,
  • Schlaf,
  • soziale Resonanz,
  • Stressregulation,
  • Spermidin,
  • Coenzym Q10,
  • mitochondriale Stabilisierung,
  • parasympathische Aktivierung
    können biologische Integrität unterstützen.

Nicht als Unsterblichkeit —
sondern als Erhaltung physiologischer Ordnung.

Schluss

„Ollas nimmt o“ beschreibt keine Theorie.

Es beschreibt Wirklichkeit.

Der Mensch altert nicht nur psychologisch,
sondern biologisch.

Der Körper verliert langsam:

  • Form,
  • Spannung,
  • Belastbarkeit,
  • regenerative Kapazität.

Das Wienerlied macht daraus keine Tragödie.
Es beobachtet.

Und gerade diese stille Beobachtung
kommt der biologischen Wahrheit des Alterns
oft näher
als viele moderne Anti-Aging-Versprechen.

Christian Tesak

Christian Tesak ist ein österreichischer Sänger, Musiker und Autor, der vor allem durch seine Beiträge zum Wienerlied bekannt wurde. Als Vertreter dieser traditionellen Wiener Musikrichtung verbindet er klassische Melancholie und Humor mit modernen literarischen und musikalischen Einflüssen.

Zentrale Fakten

  • Nationalität: Österreich

  • Tätigkeitsfelder: Wienerlied, Autorenschaft

  • Bekannt durch: Kompositionen und Texte im Stil des modernen Wienerlieds

  • Label: u. a. Preiser Records („Alles Gute!“, 2012)

Künstlerisches Schaffen

Tesak hat sich in der Wiener Musikszene als eigenständiger Interpret und Texter etabliert. Seine Arbeiten greifen Themen des Alltagslebens, der Stadt Wien und ihrer Menschen auf und werden für ihre sprachliche Präzision und poetische Tiefe geschätzt. Er steht in der Tradition von Größen wie Roland Neuwirth oder Karl Hodina, interpretiert das Wienerlied jedoch mit zeitgenössischem Blick.

Zusammenarbeit und Veröffentlichungen

Auf dem Sampler Alles Gute! (Preiser, 2012) ist Tesak mit dem Stück „Rebleis“ vertreten. Diese Aufnahme steht exemplarisch für seinen Stil, der musikalische Wurzeln mit feiner Ironie und sozialem Kommentar verbindet. Neben seinen musikalischen Tätigkeiten arbeitet er auch als Autor, wobei er Prosatexte und Liedtexte veröffentlicht, die denselben Wiener Tonfall transportieren.

Bedeutung und Rezeption

Tesaks Beiträge tragen zur lebendigen Weiterentwicklung des Wienerlieds bei, das in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance erlebt hat. Durch die Verbindung von Dialekt, Jazz- und Folk-Einflüssen erweitert er die Ausdrucksmöglichkeiten dieser spezifisch wienerischen Kunstform und stärkt ihren Platz in der modernen österreichischen Musiklandschaft.

Ihr

Eduard Rappold

Note: This information is provided for educational purposes only and does not replace professional medical advice. Always consult qualified healthcare professionals for medical concerns.

Copyright © Eduard Rappold 2026

Eduard Rappold ist Autor, Unternehmer und als Arzt wissenschaftlicher Vermittler im Bereich Epigenetik und Präventionsmedizin. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie Umwelt, Verhalten und biografische Erfahrungen die Regulation unserer Gene beeinflussen – und welche Konsequenzen sich daraus für Gesundheit, Alterungsprozesse und chronische Erkrankungen ergeben. Sein Ansatz verbindet: aktuelle Erkenntnisse der Epigenetik neurobiologische Stressforschung mitochondriale und metabolische Regulation präventive und lebensstilbasierte Medizin Als Betreiber der Plattform epigenetik.at macht er komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich. Dabei liegt der Fokus auf einer klaren, verständlichen Darstellung ohne Vereinfachung der Inhalte. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Rolle von chronischem Stress als zentralem biologischen Faktor für Dysregulation, beschleunigtes Altern und Krankheitsentstehung. Eduard Rappold ist zudem Co-Autor einer wissenschaftlichen Studie zur Rolle von Antioxidantien und genetischen Faktoren bei neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere Alzheimer.