
Philemon und Baucis – Die letzte Berührung: Liebe, Sterben und die Erinnerung des Körpers
Was Gerhard Rühm über Liebe, Sterben und die Erinnerung des Körpers erzählt
Es gibt Texte, die man nicht liest.
Man erlebt sie.
Der österreichische Schriftsteller Gerhard Rühm beschreibt in seinem Text Philemon und Baucis für immer getrennt den langsamen Tod seiner Frau. Er erzählt nicht von Heldentum, nicht von religiöser Erlösung und nicht von einer versöhnlichen Weisheit des Alters.
Er erzählt von Krankheit.
Von Hilflosigkeit.
Von Liebe.
Und von einer Berührung, die größer wird als der Tod.
Die Wirklichkeit des Verfalls
Der antike Mythos von Philemon und Baucis berichtet von einem alten Ehepaar, das gemeinsam alt wird und schließlich gemeinsam stirbt. Die Götter verwandeln beide in zwei Bäume, die nebeneinander weiterleben.
Gerhard Rühm verweigert diese tröstliche Lösung.
Seine Baucis liegt im Krankenhaus.
Eine Halsentzündung entwickelt sich zu einer lebensbedrohlichen Situation. Die Atmung versagt. Eine Kanüle wird notwendig. Die Sprache verschwindet. Kommunikation reduziert sich auf Blicke, Gesten und Berührungen.
Der Autor beschreibt die Ereignisse mit erschütternder Nüchternheit.
Nichts wird beschönigt.
Gerade deshalb wirkt der Text so wahr.
Denn Sterben ist selten poetisch.
Sterben ist oft medizinisch.
Wenn die Sprache endet
Für einen Schriftsteller muss es eine der schmerzlichsten Erfahrungen überhaupt sein, wenn Sprache ihre Kraft verliert.
Die Frau versucht noch Worte zu bilden.
Die Lippen bewegen sich.
Der Sinn erreicht den anderen nicht mehr.
Die jahrzehntelang selbstverständliche Verständigung zweier Menschen zerfällt vor den Augen des Autors.
Doch genau an diesem Punkt geschieht etwas Bemerkenswertes.
Die Beziehung verschwindet nicht.
Sie wechselt nur die Ebene.
Wo die Sprache endet, beginnt die Berührung.
Die Hand des anderen
Eine kleine Szene des Textes gehört zu den bewegendsten.
Die Frau hält seine Hand.
Sie streichelt seinen Arm.
Mehr ist nicht mehr möglich.
Und doch ist darin alles enthalten.
Wer einen Menschen jahrzehntelang liebt, kennt dessen Berührung.
Der Druck der Hand.
Die Temperatur der Haut.
Die Bewegung eines Fingers.
Den Rhythmus eines Daumens.
Es sind scheinbar belanglose Gesten.
In Wahrheit sind sie Erinnerungen des Körpers.
Liebe als biologisches Gedächtnis
Wir sprechen häufig von Erinnerungen, als wären sie ausschließlich Inhalte unseres Bewusstseins.
Doch ein großer Teil unseres Lebens ist im Körper gespeichert.
Die Stimme eines geliebten Menschen.
Der Geruch seiner Kleidung.
Die Art zu gehen.
Die Weise zu lachen.
Oder eben die Bewegung eines Daumens auf dem Handrücken.
Liebe existiert nicht nur in Gedanken.
Sie existiert in neuronalen Netzwerken, hormonellen Regelkreisen und körperlichen Routinen, die über Jahrzehnte entstanden sind.
Wenn ein Mensch stirbt, verschwindet deshalb nicht nur eine Person.
Es verschwindet ein Teil der biologischen Ordnung unseres eigenen Lebens.
Die Welt steht still
Nach dem Tod seiner Frau beschreibt Rühm einen eigentümlichen Stillstand.
Die Bäume hören auf zu wachsen.
Die Blumen auf zu blühen.
Die Sonne auf zu scheinen.
Die Flüsse auf zu fließen.
Natürlich verändert sich die äußere Welt nicht.
Doch die innere Welt verändert sich vollständig.
Trauer bedeutet nicht nur Verlust.
Trauer bedeutet, dass die vertraute Ordnung der Wirklichkeit zerbricht.
Der Mensch erlebt einen Zustand, in dem alles stehen geblieben scheint.
Die Größe des Textes
Die menschliche Größe Gerhard Rühms liegt nicht darin, dass er Trost spendet.
Sie liegt darin, dass er nichts beschönigt.
Er zeigt seine Angst.
Seine Hilflosigkeit.
Seine Ungeduld.
Seine Hoffnung.
Seine Verzweiflung.
Und dennoch bleibt er bei ihr.
Bis zuletzt.
In einer Zeit, die Jugend, Leistung und Selbstoptimierung verherrlicht, erinnert dieser Text an etwas Grundlegendes:
Liebe zeigt sich nicht in glücklichen Stunden.
Liebe zeigt sich dort, wo man bleibt, obwohl man nichts mehr ändern kann.
Vielleicht ist genau das die moderne Geschichte von Philemon und Baucis.
Nicht die gemeinsame Verwandlung in zwei Bäume.
Sondern die letzte Berührung zweier Hände.
Ihr
Eduard Rappold
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